Zukünftige individuelle Lern- und Lebenswege

Hintergrund:

Die Kernfrage nach der Hochschule der Zukunft ist auf deren künftige Rolle gerichtet, die sie sowohl für die gesellschaftliche Entwicklung spielt, aber auch für jedes einzelne Mitglied dieser Gesellschaft ausübt. Welche Bedeutung wird Hochschulen in der Zukunft für die Gesellschaft und für das individuelle Bildungssubjekt zukommen?

Hier erscheint ein Spannungsfeld verschiedenster Ansprüche hinsichtlich der Diversität von Lern- und Lebenswegen und den daraus erwachsenden gesellschaftlichen Anforderungen an Hochschulen:

  • Hochschulen sollten zukünftig viel stärker die individuellen Bedürfnisse ihrer Studierenden berücksichtigen,
  • gleichzeitig wird erwartet, dass sich Hochschulen aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligen.

Wie kann dieser Spagat gelingen und welchen Beitrag kann Digitalisierung hierzu leisten? Im Mittelpunkt stehen dabei die folgenden Fragen:

  1. Was kann Hochschule für das einzelne Individuum tun?
  2. Was kann Hochschule für die gesellschaftliche Entwicklung leisten?

Bisherige Ergebnisse aus den Interviews:

Was kann Hochschule für das einzelne Individuum tun?

Mit der Individualisierung und Flexibilisierung von Bildungsbiographien entstehen neue Bedürfnisse der Studierenden. Diese zielen nicht mehr allein darauf ab, in jungen Jahren ein Studium abzuschließen und auf diesem dann die weitere berufliche Laufbahn konsequent aufzubauen. Vielmehr werden Lebensläufe zum Normalfall, in denen der Wunsch nach einer akademischen Weiterbildung, einem weiteren Studium oder nach einer Wiederaufnahme eines unterbrochenen Studium entsteht. Individuelle Bildungsprozesse können vor diesem Hintergrund nicht als für immer abgeschlossen betrachtet, sondern eher als episodisch charakterisiert werden (vgl. Ehlers 2018, S. 88). Akademische Bildung wird somit verteilt über den gesamten Lebenslauf stattfinden.

Die Digitalisierung ermöglicht den Studierenden hierbei einen unkomplizierten und räumlich wie zeitlich flexiblen Zugang. Während jüngere Studierende über längere freie Zeiträume verfügen, so werden die für Bildungsprozesse verfügbaren Zeitfenster mit zunehmenden Alter und der Übernahme von Familien- und Karriereverpflichtungen oder auch anderen Tätigkeiten immer begrenzter und kürzer. Im fortgeschrittenen Alter können sich hingegen für Studierende wieder neue Zeiträume öffnen. Hochschulen sollten diese Bedürfnisse in ihrem Angebot und ihrer Infrastruktur zukünftig stärker berücksichtigen.

Einig sind sich die Expert*innen vor diesem Hintergrund dahingehend, dass Hochschulen mehr akademische Kurzformate und kleinere Studieneinheiten anbieten sollen, die zu einem Studienabschluss zusammengefügt werden können. Daran schließt sich natürlich die Frage an, inwiefern Studierende in der Zukunft die Möglichkeit haben, sich die von ihnen gewünschten Inhalte nicht nur aus hochschulischen Angeboten, sondern auch von anderen Institutionen und Anbietern zusammen zustellen.

Uneinig sind sich die Expert*innen hingegen bei der Gestaltung des Curriculums im Hinblick auf Kompetenzenzwicklung und Persönlichkeitsbildung. Sollten diese Aspekte als Zielsetzung eine stärkere Verankerung in den Curricula der Hochschulen erfahren? Oder sollten Inhalte eher nach ihrer beruflichen Verwertbarbkeit ausgewählt werden? Angesichts einer zunehmenden Abnahme der Gültigkeitsdauer spezifischer Qualifikationen ist aber zu vermuten, dass die Entwicklung übergeordneter Kompetenzen grundsätzlich mehr Gewicht auch in der Hochschullehre erhalten wird.

Was kann Hochschule für die digitale Gesellschaft tun?

In den Interviews wurde von den Expert*innen wiederholt der gesellschaftliche Auftrag hervorgehoben, den Hochschulen zukünftig haben werden. Nachfolgend sind die Aussagen der Expert*innen in den abgebildeten Clustern zusammengefasst:

  • Netzwerke herausbilden und unterstützen, um damit Partizipation und Kollaboration zu fördern: Welche Kommunikation muss zwischen den einzelnen Gruppen hergestellt werden?

Agieren Hochschulen als Schnittstellen für unterschiedliche Netzwerke und ermöglichen den Studierenden somit Zugang zu diesen, dann können Studierende diese Netzwerke nutzen, um Erfahrungen in den verschiedensten Lehr-Lernkontexten zu sammeln. Netzwerke können sich bereits aus kleinen Teams von Studierenden zusammensetzen und reichen bis hin zu regionalen und überregionalen Netzen, in denen Studierende durch kleine unterstützende und praxisnahe Aufgaben Erfahrung sammeln können. Studierende erfahren auf diese Weise einen Transfer von Wissen.

  • Individuelle Kompetenzen und Interesse, um damit Innovationen zu unterstützen: Welchen Grad der Freiheit in der Selbstgestaltung können Hochschulen in Bildungsprozessen ihren Studierenden ermöglichen?

Individuen sind verantwortungsvoll, kreativ und empathisch, wenn sie sich selbst frei entfalten dürfen, indem sie sich ihre Inhalte selbst zusammensuchen und ihr Lerntempo anpassen. Studierende, die in der Gestaltung ihrer Lernprozesse unterstützt werden, tragen die erworbenen Erfahrungen und Kompetenzen in weitere gesellschaftliche Bereiche hinein. So können sie sich letztendlich aktiv und innovativ an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligen.

  • Wissenschaftskommunikation unterstützen und in den kulturellen Diskurs sichtbar einbringen: Welchen Aufgaben kann Wissenschaftskommunikation nachkommen?

Die Ergebnisse der Wissenschaft aktiv und attraktiv in die Gesellschaft hineinzutragen, sensibilisiert diese für notwendige Themen, in denen sie sich weiterentwickeln kann. Eine verantwortungsvolle Teilhabe in einer verständlichen Sprache wird von der Gesellschaft eingefordert. Wissenschaft wird dazu aufgefordert, ein Gegenmodell zu Ideologisierung und Falschinformationen zu liefern, indem sie mit einem humanistischen und pluralen Wertegerüst Sinn vermittelt.

Diskussionsanstöße:

  • Welche Aufgaben verbinden Sie mit Hochschulen?
  • Welche Bedeutung haben Hochschulen Ihrer Meinung nach für den Einzelnen?
  • Welche Bedeutung haben Hochschulen für die gesellschaftliche Entwicklung?
  • Ihr Diskussionsansatz ….