Globale Plattformgestaltung und regionale Kooperationen

Auswirkungen des gesellschaftlichen Umbruchs für Hochschulen

Hintergrund:

Mit zunehmender Digitalisierung geraten auch Hochschulen unter Druck, ihre bewährten Strukturen zumindest in Teilen verändern zu müssen. Vielfach – dies zeigten Erfahrungen in anderen Branchen wie der Musikindustrie oder dem Verlagswesen – wird der Veränderungsdruck ausgelöst von als disruptiv zu bezeichnenden Prozessen. Als disruptiv werden Prozesse umschrieben, die bisherige Strukturen in Frage stellen.

Nicht jede Dynamik von Neuerungen oder Veränderungen ist disruptiv. Das Kennzeichnende an solchen Prozessen ist vielmehr, dass sie an den Rändern bewährter Strukturen entstehen und auf diese nach Innen sogartig einwirken. Aus der Organisation selbst heraus können disruptive Prozesse nicht ausgelöst werden, da sich Organisationen aus Selbsterhaltungsinteresse ohne äußeren Druck zwar weiterentwickeln, ihre Strukturen aber nicht in kurzer Zeit umfassend neu organisieren.

Auch in Hinblick auf Hochschulen zeigt sich, dass sich disruptive Elemente der Digitalisierung nicht aus ihnen selbst heraus entwickeln, sondern von außen auf sie einwirken und diese mit der Frage nach der Gültigkeit bzw. Eignung ihrer bewährten Strukturen konfrontieren.

Bisherige Ergebnisse aus den Interviews:

Mit der Digitalisierung von Wissensinhalten und dem vereinfachten Zugang zu diesen verliert die Hochschule ihre Hoheit der Wissensvermittlung und damit die Zugangsbeschränkung. In den Expert*innengesprächen werden vom Internet allgemein über digital gestützte öffentliche Bildungsmedien wie etwa MOOCs (Massive Open Online Course) bis hin zu neuen Technologien wie Blockchains (Einsatz von dezentralen Datenbanken) deutliche disruptive Potenziale gesehen.

Ein wesentlicher Charakter von Disruptionen ist die Unkenntnis der Entwicklung und ein nicht prognostizierbarer Zustand betreffender Organisationen bzw. deren Strukturen zum Ende des Prozesses. Damit rückt ein eher visionärer Charakter der zukünftigen Bedeutung von Hochschulen in den Vordergrund.

Die Frage, die die Interviewten damit verbunden haben, war jene nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Hochschulen. Was kann eine Hochschule zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen? Welcher Bedeutung kommt die Hochschule zukünftig nach?

Die Antworten darauf fallen sehr unterschiedlich aus, wie folgende Beispiele zeigen:

1. Der individuelle Akteur beteiligt sich aktiv an der Mitgestaltung von Gesellschaft: Zum einem wird bezweifelt, ob Hochschulen in der Anzahl und Ausdifferenzierung in Zukunft noch existieren werden und die Verantwortung nicht eher in einzelnen Akteur*innen zu suchen ist, die aktiv an der Gesellschaft teilhaben wollen. Als Citizen Scientist werden einzelne Akteur*innen beschrieben, die sich selbst in den gesellschaftlichen Diskurs zu für sie relevanten Themen einbringen.

2. Hochschulen stellen Bildung in Form eines offenen Zugangs in das Zentrum ihres Interesses: Zum anderen wird die gesellschaftliche Aufgabe der Hochschule als Institution darin gesehen, Bildung zur Verfügung zu stellen, an der immer breitere Schichten der Bevölkerung unabhängig von ihrer Herkunft teilnehmen können. Im Hinblick auf digitale Prozesse wird konstatiert:

– Digitalisierung bietet die Möglichkeit bildungsfernen Schichten einen Zugang zu ermöglichen.

– Digitalisierung macht es möglich, Inhalte an die digitalen Erwartungen bzw. Erfahrungen junger Menschen anzupassen.

– Digitalisierung unterstützt den gesellschaftlichen Bedarf des Lebenslangen Lernens.

3. Hochschulen sollten die Entwicklung gesellschaftlich notwendiger Kompetenzen bei den einzelnen Akteur*innen unterstützen:
Solche Kompetenzen reichen etwa von personalen und sozialen über Medien- bis hin zu übergeordneten Problemlöse- und Reflektionskompetenzen.

In den Interviews wurden zwei verschiedene Positionen deutlich. Die Expert*innen, die in wirtschaftsnahen Kontexten arbeiten, betonen, dass Hochschulen nicht dazu gebaut sind, die Gesellschaft als Ganzes durch diese digitale Disruption zu begleiten. Daher wird gerade von diesen Expert*innen hinterfragt, ob Hochschulen in Zukunft nicht an gesellschaftlicher Bedeutung verlieren werden. Hochschulstrukturen werden als resistent und resilient gegenüber Innovationen bezeichnet. Expert*innen, die einen Großteil ihrer Arbeitszeit an und in Hochschulen verbracht haben, gehen hingegen davon aus, dass Hochschulen auch weiterhin eine gesellschaftlich hohe Bedeutung haben.

Plattformgestaltung:

Um in digitalen Zeiten als Hochschule sichtbar zu bleiben bzw. zu werden, wird von vielen Interviewten die Notwendigkeit der Berücksichtigung einer entsprechend den Bedürfnissen der Teilnehmenden orientierten Plattform gesehen. Plattformen können eine Infrastruktur anbieten, die allen Beteiligten Orientierung bei der Teilhabe bzw. Teilnahme ermöglicht. Unter dem Begriff der Plattform verbirgt sich eine lernunterstützende Umgebung, die sowohl online, als auch in Form von lokalen Anbindungen umgesetzt werden kann. 

Der Aufbau einer solchen Infrastruktur umfasst bspw. einen Bibliotheksservice, beratungs- und unterstützende Anlaufstellen, sie verbindet und ermöglicht Netzwerke und Kooperationen, stellt Inhalte zur Verfügung, ermöglicht Karrieren von Mitarbeitenden, etc..

Nachfolgend wird bei den Plattformmodellen zwischen den Anbieter*innen und den Teilnehmenden differenziert. Unterschieden werden folgende vier Ansätze, deren einzelne Merkmale in unterschiedlichen konkreten Anwendungsszenarien miteinander kombiniert werden können:

1. Hochschulen berücksichtigen Plattformen, die sich bisher durchgesetzt haben

In diesem Modell integrieren Hochschulen bereits bewährte Systeme in ihre eigene Hochschulumgebung. Die Gestaltung der Durchlässigkeit der Teilnahme und Teilhabe wird von der jeweiligen Hochschule selbst bestimmt. Für die Umsetzung einer solchen individuellen Lösung wird oft ein hoher Anteil an Ressourcen investiert und die Wartung und Pflege der Inhalte und Infrastrukturen verlangt den Einsatz zusätzlicher Ressourcen. Darüber hinaus wird von Interviewten mit Plattformerfahrung darauf verwiesen, dass die Hochschule in diesem Modell stets reaktiv auf Einflüsse agieren müsse und weniger aktiv an Lösungen mitgestalten kann.

2. Hochschulen stellen sich selbst als Plattform auf

Einzelne Hochschulen bieten eine digitale Infrastruktur für ihre Studierenden an. Inhalte können über OER von anderen Expert*innen und von anderen Hochschulen in die Plattform integriert werden, weitere Inhalte werden von der nutzenden Hochschule ergänzt. Hier ist der Frage nachzugehen, ob die entwickelte Plattformlösung die Nutzungserfahrung der Teilnehmenden in digitalen Umgebungen widerspiegeln kann bzw. welcher Aufwand mit der einzelnen Erstellung verbunden ist.

3. Zugangsbeschränkte Plattform von einem aus Hochschulen bestehenden Netzwerk

Bei dieser Plattform wird an der Struktur der Zulassungsbeschränkung für Anbietende, als auch Teilnehmende festgehalten. Das Netzwerk trifft eine Auswahl an Mitgestaltenden, die Teil dieses Netzwerkes sein dürfen. Zugelassene können ihre Inhalte auf der Plattform anbieten. Die Zugangsbeschränkung seitens der Teilnehmenden wird damit legitimiert, dass nicht jeder für ein Hochschulstudium geeignet sei und auf diese Weise Ressourcen für die Gesellschaft gespart würden. Die Frage an dieser Stelle wird sein: Wie gehen Hochschulen (und Studierende) mit Zugangsbeschränkungen um, wenn an anderer Stelle Inhalte frei eingesehen werden können? Was wird das Alleinstellungsmerkmal dieses Netzwerkes sein?

4. Offene Plattform mit Hochschulen als einen von mehreren Anbietenden

Bei dieser Plattform steht das Bildungsangebot im Vordergrund, aus dem sich einzelne Akteur*innen die Inhalte nach ihren Bedarfen von verschiedenen Bildungsanbietern bzw. regionalen Kooperationen selbst zusammenstellen können. Hochschulen treten dabei in einen Wettbewerb mit weiteren regionalen Bildungsanbietern, wie der VHS, IHKs, Fachhochschulen, aber auch mit internationalen Internet-Konzernen, die sich weiter auf das Feld der Bildung begeben. Organisiert und umgesetzt werden kann eine solche Plattform nur mit Unterstützung der Politik.

Eine konkurrenzfähige Plattform zu gestalten geht nach Ansicht der Expert*innen mit der Frage nach einer sinnvollen Skalierung einher. Plattformen auf Länderebene werden eher wenig Wettbewerbschancen zugesprochen. Einer Plattform auf EU- oder Bundesebene wird hingegen mehr Wettbewerbsfähigkeit attestiert.

Diskussionsanstöße:

  • Welche Erwartung an eine Plattform haben Sie?
  • Wären Sie eher an einer globale oder regionalen Plattform interessiert?
  • Welche Unterstützung/Angebote würden Sie sich wünschen?
  • Wie sollte der Zugang zu einer solchen Plattform Ihrer Meinung nach gestaltet sein? Sollte er offen für alle sein? Sollten die Plattformbetreibenden eher eine Art Qualitätsstandard durchsetzen?
  • Ihr Diskussionsansatz …

 

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